Nachträgliches zu Galens Geburtstag

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Info vom 31. März 2012

Von Martina Wergin

Heute hat einer der ganz Großen Geburtstag – einer der ganz Großen für mich: Kardinal Clemens August Graf von Galen, der Löwe von Münster – geboren am 16. März 1878. Einer der wenigen Kirchenmänner, die es gewagt haben, sich gegen die Nazis zu stellen, den Mund aufzumachen – in die Opposition zu gehen.

Dabei hatte der Kardinal Glück: An ihn haben sich die Nazis nicht herangetraut. Zu bekannt, zu populär war er. Zähneknirschend nahm das System den unbequemen Mahner hin.

Andere waren da weniger begünstigt. Im letzten Jahr haben wir im Erzbistum Hamburg die Seligsprechung der Lübecker Märtyrer gefeiert: Drei katholische Kapläne und ein evangelischer Pastor, die genauso ihre Stimmen gegen das Unrecht erhoben, und dafür dann nicht nur inhaftiert, sondern auch hingerichtet wurden. „Ihr Blut floss ineinander“ heißt es.

Was mich allerdings auch über 60 Jahre nach Kriegsende noch immer deprimiert und nachdenklich macht, ist: Wie kann es eigentlich sein? Wie kann es sein, dass die Mehrheit der Bischöfe, der Priester, der Kirche damals geschwiegen und sich geduckt hat?

Kardinal von Galen brachte den Mut auf, seinem Gewissen zu folgen. Die Lübecker Märtyrer ebenfalls. Heute feiern und ehren wir sie dafür. Aber wenn man einmal ganz ehrlich und nüchtern hinschaut: In ihrer Zeit, in ihrer Umgebung damals waren diese Geistlichen Außenseiter – und eine klare Ausnahme. Wie überhaupt die offene Opposition gegen das Nazi-Regime die Ausnahme war. Die Außenseiter von gestern sind die Helden von heute.

Ich denke, es ist schwer, schwer, den Punkt zu treffen, ab dem klar ist: Hier beginnt das Unrecht. Hier kann man als Christ nicht mehr mitmachen, hier muss man aussteigen.

Kardinal von Galen hat das hinbekommen. Dabei war ihm die ganze Zeit bewusst, dass er sein Leben riskierte.

Würde ich das auch tun? Würde ich es überhaupt merken, wo er ist, der Punkt, ab dem man seinem Gewissen folgen muss – und nicht mehr der Obrigkeit oder Autorität, in welchem Gewand sie auch immer daherkommt? Hätte ich den Mut, mich im offenen Gegensatz zu meiner Zeit und meiner Umgebung wiederzufinden und dann laut und klar zu sagen: NEIN? -- Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß, ist: Es ist – so glaube ich – sehr wichtig, von Zeit zu Zeit über genau solche Fragen nachzudenken. Das Thema Gewissen und Ethik nicht auszublenden – sondern es immer mal wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Ich denke, damit fängt es an.

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