Predigt von Bischof Genn aus Anlass der Großen Prozession

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Info vom 3. Juli 2011

Münster.  

Am Sonntag (03.07.2011) fand in Münster die Große Prozession statt. Im Anschluss feierte Bischof Felix Genn einen Gottesdienst im münsterschen St.-Paulus-Dom. kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Am vergangenen Samstag, dem 25. Juni, durfte ich in Lübeck an der Feier teilnehmen, in der die drei Lübecker Kapläne Hermann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek selig gesprochen wurden. Gleichzeitig wurde dem evangelischen Pastor Karl Friedrich Stellbrink ein ehrendes Andenken gewidmet. In dieser wunderbaren, von einem tiefen Geist der Ökumene getragenen Feier habe ich an unsere Große Prozession und unsere Eucharistie in dieser Stunde denken müssen.

Das Leitwort, mit dem in diesem Jahr die Große Prozession in ihrer altehrwürdigen Tradition gestaltet wird, lautet im Anschluss an die Einladung der Deutschen Bischöfe zum Gesprächsprozess in der Kirche: "Im Heute glauben". Ja, darum geht es, wenn wir glauben: Wir tun es jeweils im Heute. Das Zeugnis dieser vier Geistlichen ist ein eindrucksvolles Glaubensbekenntnis in ihrem damaligen Heute. Hingerichtet wurden sie vor allem deshalb, weil sie die Predigten von Bischof Clemens August Graf von Galen in ihren Gemeinden verbreitet hatten. Man weiß heute, dass sie eigentlich stellvertretend für den Münsteraner Bischof in den Tod gegangen sind, dessen Hinrichtung das Regime während der Kriegszeit fürchtete, aber sich für die Zeit nach dem so genannten "Endsieg" vorbehalten hatte. Diese Männer hatten sich das Martyrium nicht ausgesucht. Der evangelische Pastor war sogar lange Jahre ein glühender Verehrer Hitlers und der deutschen nationalen Ideologie. Erst im Laufe der Jahre, vor allem im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wandelte er sich in seiner Gesinnung. Übrigens darf ich hier erwähnen, dass die drei kath. Priester alle in Münster studiert haben und Pastor Stellbrink hier in unserer Stadt geboren wurde. So gibt es vielfältige Bezüge, die uns helfen können, das Leitwort der diesjährigen Großen Prozession in den Zusammenhang der jüngeren Glaubensgeschichte zu stellen: Das Martyrium dieser vier Geistlichen und das Gedenken an die großen Predigten, die Bischof Clemens August am 13. Juli und 3. August in Lamberti und am 20. Juli in der Überwasserkirche vor genau 70 Jahren gehalten hat. Ich danke, dass Pfarrer Winner eben auf dieses Datum verwiesen hat, und dass die Pfarrgemeinde Liebfrauen in der Überwasserkirche am 20. Juli in einer eigenen gottesdienstlichen Feier daran anknüpfen wird.

Was diese Männer ausgezeichnet hat und mit ihnen viele andere Frauen und Männer, ob Priester oder Laien, war vor allen Dingen Mut. Ihr Glaube im damaligen Heute war ein Mut zum Glauben. Unerschütterlich hielten sie an dem fest, was ihnen das Evangelium verheißen hat, ließen sich nicht durch Menschenfurcht davon abbringen, auch nicht durch die Furcht vor dem Tod. Ja, die vier Lübecker Märtyrer reiften in ihrem Glaubensmut und Glaubenszeugnis so heran, dass sie am Tag ihres Todes durch ihre Briefe an ihre Angehörigen uns allen bis zur Stunde Mut machen können. So schreibt Pastor Stellbrink am Tag seiner Hinrichtung an seine Frau:

"Nun hat alles Warten ein Ende, der Weg liegt endlich wieder klar vor mir und das Ziel ist uns Christen ja bekannt. Wie oft habe ich davon gepredigt; nun ist es bald erreicht …. Wahrlich, es ist nicht schwer zu sterben und sich in Gottes Hand zu geben."

Der Priester Johannes Prassek notierte am 23. Juni 1943 in das Neue Testament den Satz: "Heute ist der schönste Tag meines Lebens. Ich wurde zum Tode verurteilt", und er verstärkte dieses Bekenntnis in einem Brief an seine Familie ebenfalls am 10. November, an dem er abends hingerichtet wurde: "Heute Abend ist es nun soweit, dass ich sterben kann. Ich freue mich so, ich kann es Euch nicht sagen wie sehr …. Worum ich Euch um alles in der Welt bitte, ist dieses: Seid nicht traurig! Was mich erwartet, ist Freude und Glück, gegen das alles Glück hier auf der Erde nichts gilt. Darum dürft auch Ihr Euch freuen."

Liebe Schwestern und Brüder: Im Heute glauben – dazu braucht es Mut. Was sagt uns dieses Zeugnis in unserem Heute? Am heutigen Sonntag dürfen wir vom Herrn eine Einladung hören: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen" (Mt 11, 28). Gibt uns ein solcher Satz Mut zum Glauben? In der Tat, es ist ein beruhigendes Wort, eine großartige Einladung. Aber sie enthält eine Voraussetzung, und diese ist eine gewaltige Provokation, gerade in unserem Heute. Es ist eine Provokation, die Mut erfordert, weil sie die Aussage enthält, dass Er derjenige ist, der Gott offenbart, dass Er derjenige ist, dem vom Vater alles übergeben wurde (vgl. ebd. 27). Jesus ist sich dieser Provokation bewusst. Er sagt ausdrücklich, dass Er sich freut, einmal die Dinge so offen benennen zu können. Ja, er preist sogar den "Vater, den Herrn des Himmels und der Erde, weil Er all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hat"  (vgl. ebd. 25).

Liebe Schwestern und Brüder, das ist die Herausforderung unserer Stunde, sich zu den Unmündigen zu zählen, denen aufgeht: In diesem Jesus zeigt sich Gott, zeigt sich die ganze Wahrheit der Welt, der Wahrheit über das menschliche Leben, über meine eigene Existenz. Wir wissen, dass diese Offenbarung, von der Jesus hier ausdrücklich spricht, Ihn den Tod gekostet hat. Deshalb haben die Schwestern und Brüder im Glauben in den ersten Jahrhunderten in Ihm die Verheißung erfüllt gesehen, von der bereits der Prophet Sacharja vor der Geburt Christi gesprochen hat, nämlich, dass die Rettung Israels und die Rettung der ganzen Welt nicht von einem kraftvollen, mächtigen Potentaten und Herrscher kommt, sondern von dem, der sich als Symbol Seiner Herrschaft nicht das Pferd, sondern den Esel wählt und genau in dieser Güte und Demut "die Streitwagen vernichtet, die Rosse aus Jerusalem und dem Kriegsbogen" (vgl. Sach 9, 10). Aber genau in diesem Tun ist Er der König, "dessen Herrschaft von Meer zu Meer bis an die Enden der Erde reicht" (vgl. ebd.).

Unsere Art, liebe Schwestern und Brüder, zu denken, zu reden, zu handeln, ist anders. Wir wollen die Dinge, auch das Leben, hin-"kriegen", wollen sie mit unseren Mitteln, zwar nicht mit Rossen und Streitwagen, aber mit Techniken bewerkstelligen, so dass wir auch Vernichten von Leben in Kauf nehmen.

Der Mut zum Glauben besteht heute nicht darin, dass wir uns gut streiten über Strukturreformen in unseren Gemeinden, über den Zuschnitt von Pfarreien und Seelsorgeeinheiten. Damit halten wir uns von unserer eigentlichen Sendung ab. Zweifellos muss man die eine und andere Frage stellen und nach einer angemessenen seelsorglichen Lösung suchen. Aber unsere eigentliche Aufgabe als Christen gerade im Heute besteht darin, dem zu folgen, was Jesus mit Seinem Geist in die Welt gebracht hat. Wir sind nicht, um es mit Paulus zu sagen, "dem Fleisch verpflichtet" (Röm 8, 12), sondern dem Geist, der Jesus von den Toten auferweckt hat, und der in uns wohnt (vgl. ebd. 11). Deshalb gehören wir zu denen, die vor der Welt wie Unmündige und nicht wie Weise und Kluge aussehen, sondern solche, die als Jünger dieses Jesus von Nazareth leben, der "von Herzen demütig und gütig ist" (Mt 11, 29). Sein Joch auf sich zu nehmen, Seine Last zu tragen (vgl. ebd. 29.30), das heißt heute den Mut zu haben, Jünger Christi zu sein und in unserem Heute zu glauben. Das heißt, von Ihm zu lernen, der sogar mit der Last des Kreuzes beladen das Schwerste für diese Welt erlitten hat, nämlich die Sünde hinwegzutragen. Er schenkt die Kraft, auch das Schwere aus Liebe tragen zu können, eher Unrecht zu erleiden als es tun.

Liebe Schwestern und Brüder, hierauf kommt es an in der gegenwärtigen Stunde: Damit stehen wir in der Tradition unseres seligen Bischofs Clemens August, der weder durch Lob noch durch Furcht sich hat abschrecken lassen, der Weisheit der Welt die Weisheit Gottes zu verkünden, die Menschen hinzuweisen, als Jünger Christi zu lernen, für das Leben gerade auch der Geisteskranken zu streiten. In derselben Linie streiten wir heute für ein Verbot der PID. In derselben Linie streiten wir heute darum, dass der Anfang und das Ende des Lebens unantastbar bleiben mag sich die Weisheit der Welt auch noch so sehr in Gestalt von Juristen und Ethikern in Zeitungsartikeln, in Vorträgen und wo auch immer aufbäumen und dem Christentum, vor allen Dingen uns Bischöfen und der kath. Kirche vorwerfen, sie zwinge hier den Menschen eine christliche Sondermoral auf. Nein, weil eben dieser Jesus von Nazareth, dieser Mensch zugleich derjenige ist, der der ewige Sohn des Vaters ist, der uns sagen kann, wie es um Gott und wahrhaft um den Menschen bestellt ist, ist dies keine Sondermoral, sondern es ist ein Wort, das den Menschen befreit, ihm Hoffnung und Lebensrecht gibt, wie auch immer er aussieht. Deshalb beflügelt dieser unser Glaube die Phantasie, kreativ über Formen der Hilfe nachzudenken, die nicht um den Preis des Todes anderer bezahlt wird.

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