Lübecker Märtyrer

Drucken

Info vom 21. Juni 2011

Seligsprechung am Sonnabend

Von Thomas Morell (epd)

Lübeck/Osnabrück (epd). Das Fallbeil war modern und der Henker Friedrich Hehr erfahren: Innerhalb von neun Minuten hat er die vier "Lübecker Märtyrer" am 10. November 1943 hingerichtet. Ihr Blut, so wird berichtet, sei im Hof der Hamburger Haftanstalt Holstenglacis ineinander gelaufen. Das Gedenken an die drei katholischen Kapläne und den evangelischen Pastor gilt seitdem als gemeinsame Aufgabe der beiden Kirchen.

Nun werden die drei katholischen Kapläne Johannes Prassek, Eduard Müller und der aus Ostfriesland stammende Hermann Lange in Lübeck seliggesprochen: am Sonnabend (25. Juni) in einer Heiligen Messe unter freiem Himmel. Alle drei wurden im Osnabrücker Dom zum Priester geweiht, deshalb beteiligt sich neben dem Erzbistum Hamburg auch das Bistum Osnabrück an der Zeremonie.

Ungewöhnlich ist, dass zugleich an den evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink ehrend erinnert wird. Die evangelische Kirche praktiziert keine Seligsprechung. Auch Papst Benedikt XVI. hat den ökumenischen Geist der Seligsprechung betont und die vier "Lübecker Märtyrer" als "eindrucksvolles Zeugnis der Ökumene des Gebets und des Leidens" gewürdigt.

Johannes Prassek war der "politische Kopf" der drei Kapläne. Die Tötung von behinderten Menschen stieß ihn ebenso ab wie die Misshandlungen der Zwangsarbeiter. Heimlich steckte er ihnen Brot und Kleidung zu. Offen brachte er in Predigten und Gesprächen seine Kritik zum Ausdruck. "Wer soll denn sonst die Wahrheit sagen, wenn es nicht die Priester tun?" antwortete er warnenden Stimmen. Doch da hatte der Spitzel Hans Lüers seine Berichte schon längst an die Gestapo weitergegeben.

Der evangelische Pastor Stellbrink hatte einen ganz anderen Weg hinter sich. Der langjährige Auslandspastor in Brasilien war völkischer Rassist und seit März 1933 NSDAP-Parteimitglied. Das Alte Testament kritisierte er als "jüdisch" und sah in Jesus Christus vor allem einen nordischen Heroen. Doch sowohl mit seiner Partei als auch mit seinem NS-nahen Bischof Erwin Balzer überwarf er sich, so dass die Partei ihn 1937 ausschloss. Stellbrink und Prassek freundeten sich 1941 an, als Kontakte zwischen den Konfessionen noch verpönt waren.

Nach dem verheerenden Bombenangriff auf Lübeck im März 1942 hatte Stellbrink gepredigt, dass Gott "mit mächtiger Stimme" gesprochen habe. Eine Woche später wurde er von der Gestapo verhaftet, sieben Wochen danach folgte Prassek. Es scheint, als sei den Beteiligten der Ernst der Lage nicht bewusst gewesen. "Na, das wird ja nicht gleich Kopp ab kosten", schrieb Lange nach der Hausdurchsuchung durch die Gestapo. Im Juni wurden auch er und seine Amtsbruder Müller verhaftet.

Selbst für den Volksgerichtshof, der im Juli 1943 in Lübeck die vier Geistlichen zum Tode verurteilte, waren die Urteile ungewöhnlich hart. Müller etwa wurde nichts weiter nachgewiesen als das Abhören feindlicher Sender. Die Todesurteile sollten vor allem den NS-kritischen Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen treffen, dessen Predigten die vier Lübecker abgetippt und verteilt hatten. Galen war damals allerdings zu populär, als dass er verhaftet werden konnte.

Hitler persönlich, so der Kirchenhistoriker Peter Voswinckel, habe die Todesurteile angeordnet, aber jeden Bezug zu Galen aus den Urteilen streichen lassen. Trauerfeiern waren verboten. Die Familie Stellbrink erhielt nach der Hinrichtung sogar eine Rechnung über 1.500,70 Reichsmark für die Haftzeit. Darunter war auch die Rubrik "Vollstreckungskosten" in Höhe von 122 Reichsmark.

Bemerkenswert ist die Gelassenheit, mit der die vier Geistlichen ihren Tod erwarteten. "Was mich erwartet, ist Freude und Glück", schrieb etwa Prassek. Und bei Lange heißt es: "Heute ist die große Heimkehr ins Vaterhaus, und da sollte ich nicht froh und voller Spannung sein?" Die NS-Justiz hat die Briefe nicht weitergeleitet.
Sie erweckten den Eindruck, heißt es in einem Schreiben, die Verurteilten hätten "sich bei Begehung ihrer Straftaten für eine gute Sache eingesetzt". Erst 2004 fand der Historiker Voswinckel die Briefe im Bundesarchiv.

Beide Kirchen gingen mit ihren gehenkten Geistlichen nach dem Krieg sehr unterschiedlich um. Die katholische Gemeinde feierte bereits am 10. November 1945 das Gedenken an ihre drei Kapläne. Die evangelische Seite tat sich mit ihrem ehemaligen Nazi-Pastor schwer.
Über eine innere Wandlung Stellbrinks ist wenig bekannt. Der Lübecker Altbischof Karl Ludwig Kohlwage geht davon aus, dass er am Ende den "wahren Charakter" der NS-Ideologie erkannt hat. Erst 1993 wurde Stellbrink auf Initiative Kohlwages rehabilitiert.

© epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen