Brief von Pfarrer Markus Trautmann, Dülmen …

… an KAB-Diözesansekretär Hermann Hölscheidt, Münster, vom 16. Februar 2021 

Lieber Herr Hölscheidt,

in den Karnevalstagen habe ich das Taschenbuch „Josef, du hast mehr geleistet als ich“ gelesen. Vielen Dank, dass Sie mir es zugeschickt haben! Da ich ab 1996 für mehr als zwei Jahre als Praktikant im Gemeindejahr und Diakon in der Pfarrei Heilig Kreuz in Bocholt verbringen durfte, war mir sein Name vage in Erinnerung. Persönlich durfte ich aber Pfarrer Hans-Rudolf Gehrmann und Josef Niebur kennenlernen, die ja jeweils mit einem Beitrag vertreten sind.

Die Beiträge von Gehrmann und Niebur heben sich durch ihre wohltuende Sachlichkeit von den anderen Beiträgen ab – auf die ich gern einmal ausführlicher eingehen möchte. Denn mir ist es wichtig, sowohl Clemens August von Galen wie auch Josef Jakob etwas Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Denn diese fehlt über weite Strecken in dem Buch; daran scheitert der Anspruch seiner Familie.

Zunächst: Was immer in der Familie von Josef Jakob über eine Begegnung mit Clemens August von Galen nach dem Krieg berichtet wurde: Jedenfalls war der Bischof 1945/46 nicht mehr in Bocholt, wie seine Tochter im Interview behauptet (vgl. S. 29). Das ist zuverlässig dokumentiert (etwa in der Quellenedition von Löffler, 1996). Fast genauso sicher kann angenommen werden, dass Galen – durchaus in aristokratisch-bischöflicher Distanz – niemals einen KAB-Sekretär geduzt und ihm derart jovial eine solche Bemerkung (wie sie ja den Titel des Buches abgibt) anvertraut hätte. Richtig ist, dass Galen nach seiner Rückkehr aus Rom 1946 auf dem Domplatz in Münster sinngemäß gesagt hat: „Andere hatten viel mehr zu leiden als ich!“ Das ist ja auch unbestritten. Vielleicht war Josef Jakob dort damals zugegen oder wurde diese Galen-Äußerung ungenau kolportiert oder später von anderen auf Josef Jakob bezogen (vgl. S. 20, S. 29).

Viel schlimmer als ein missglücktes Galen-Zitat (als vermeintliches Familiennarrativ) finde ich aber die „Strategie“, die das Büchlein durchzieht: Galen möglichst abzuwerten und offensiv zu diskreditieren, damit das Wirken von Josef Jakob umso heroischer erscheint. Genau das wird ja immer wieder im Buch behauptet, Galen würde „ins Übermenschliche erhöht“ (S. 9, S. 20). Abgesehen davon, dass Josef Jakob, von dessen tiefer Überzeugung und fester Geradlinigkeit ich sehr überzeugt bin, diese unverhohlene Polemik weit von sich weisen würde: Sie hat schlichtweg mit den historischen Tatsachen nichts zu tun.

Man muss nicht zahlreiche Publikationen über Galen verfasst haben oder die Website www.wie-ein-loewe.de redaktionell betreuen, um über so viel Basiswissen zu verfügen, dass man weiß, dass Galen kein „Hitlerfan“ (S. 23) war. (Dass diesbezüglich auch noch die Zeitschrift Publik Forum bemüht wird, macht die Sache nicht besser.) 

Clemens August von Galen entstammte einer „strammkatholischen“ Adelsfamilie, die sich schon im Kulturkampf unter Bismarck fest der Zentrumspartei verbunden wusste. Der Vater vertrat das Zentrum 30 Jahre lang im Reichstag in Berlin; ein Onkel Galens (als Pfarrer von St. Viktor Dülmen einer meiner Vorgänger) saß als Kaplan im Gefängnis; Clemens August und sein Bruder Franz besuchten die Schule in Österreich, um sie dem preußisch dominierten „Hurra-Patriotismus“ in Deutschland zu entziehen. Das sind nur einige wenige stichwortartig aufgezählte Aspekte, die zeigen: Von seinem familiären und katholischen Selbstverständnis her war Galen alles andere als „deutschnational“. Er war Patriot, er war konservativ. Aber gerade sein adeliges Standesbewusstsein gab ihm die innere Freiheit und die nötige Distanz, die Primitivität und den simplen Populismus der nationalsozialistischen „Radaubrüder“ (die ja als „neue Bewegung“ gerade NICHT konservativ sein wollten) früh zu durchschauen – zumal als Pfarrer in Berlin – und abzulehnen. Sein hohes Ideal von der „Obrigkeit“ gab ihm als einzigem deutschen Bischof das Rückgrat, das NS-Regime an diesem Ideal auch zu messen.

Es ist schlichtweg falsch und zeugt von oberflächlicher Recherche, von „späten Auseinandersetzungen“ Galens mit dem NS-Regime zu sprechen. Oder: „Den Nazis offen entgegen zu treten, wagte er nicht!“ (S. 115) – Bis zum bitteren Ende gehörte Galen selbst der Zentrumspartei an und stand (wenngleich persönlich monarchistisch gesinnt) entschieden zur Weimarer Republik; er beschwor um 1930 die tatsächlich ins deutschnationale Lager abdriftenden Standesgenossen im „Rheinisch-westfälischen Edelleuteverein“, loyal zum Zentrum zu stehen; noch als Pfarrer von St. Lamberti Münster legte er sich mit den neuen Machthabern im Rathaus an; 1934 legte er dem „Bischöflichen Amtsblatt“ eine Streitschrift gegen Rosenbergs NS-Schrift „Mythus des 20. Jahrhunderts“ bei; er fand bei Wallfahrten und Firmreisen klare Worte (die z.T. in www.wie-ein-loewe.de dokumentiert sind), etwa 1934 in Bethen oder 1936 in Xanten oder 1937 in Vreden. Und was auch belegt ist: Die NS-Behörden und die Gestapo schätzten von Anfang an richtig ein, wer ihnen da im Oktober 1933 als Bischof von Münster vor die Nase gesetzt wurde: ein überaus unbequemer und unbestechlicher Zeitgenosse.

Apropos Zeitgenosse: Man kann sich zwar heute schulterklopfend gegenseitig versichern, dass man „antifaschistisch“ und „links“ ist – und dass man Josef Jakobs Nähe zur Kirche im Tiefsten nicht nachvollziehen kann. Das entbindet einen aber nicht davon, den noch vorhanden Spuren in die NS-Zeit auch wirklich nachzugehen. So lesen wir im Interview auf S. 32 als Aussage des Sohnes Wilhelm Jakob: „Ich war vom Nationalsozialismus fasziniert.“ Wie bitte? Als Sohn eines Widerständlers? Noch 1942, nach den Galen-Predigten, nach dem Krieg gegen die Sowjetunion? Nach den Verhaftungen des eigenen Vaters? Und da hakt man nicht mal nach?!? Worauf ich hinaus will: Man kann die damals echte Begeisterung für Hitler und die Popularität des Nationalsozialismus bis hinein in die Familien der Nazigegner gar nicht hoch genug ansetzen! Und daher darf man auch ein reales „Bischofswort“ (oder ein heute nachträglich gewünschtes Statement des Episkopats) damals auch wiederum nicht überschätzen. Somit kann man auch die belegte persönliche Verunsicherung eines Galens, wann und wo und wie er protestieren solle, nachvollziehen. Ich halte es für fatal, mit einigen nassforschen „Meinungen“ im Abstand von 80 Jahren am Ende doch die Angst und die Repression und die Manipulation fast eines ganzen Volkes und damit auch die Brutalität und Omnipräsenz des Regimes zu verharmlosen. – Aber dass auf dem unbestrittenen Höhepunkt des Ansehens Hitlers (auch im Ausland) Papst Pius XI. im Frühjahr 1937 dennoch die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ verfasst und landesweit verbreiten lässt; dass im Nachgang zu dieser Aktion Druckereien geschlossen und Menschen verhaftet wurden; dass dieser Vorstoß die Nazis zum Schäumen brachte und von vielen Zeitgenossen als starker Rückhalt empfunden wurde – all das wird im ganzen Buch NICHT EINMAL ERWÄHNT! (Ich bin froh, dass in dem „Bilderbuch für Jung und Alt“ über Elisabeth und Nikolaus Groß Papst Pius XI. und seine klare Haltung auf S. 29 zumindest kurz genannt werden.) 

Stattdessen wird die alte Leier vom bloßen taktischen Vorgehen des Vatikans und der tumben Gefolgschaft der deutschen Bischöfe bemüht. Seit der Öffnung der Geheimarchive aus dem Pontifikat Pius‘ XII. steht fest, dass gerade Eugenio Pacelli als Kardinalstaatssekretär und Unterhändler des Vatikans bei den Konkordatsverhandlungen schon bald hell entsetzt war, wie schnell die deutschen Bischöfe es dann selbst waren, die ohne Not so manche gesellschaftliche Bastionen und Spielräume aufgegeben haben, die das Konkordat ja eigentlich gewährleisten würde. Genau hier setzt 1937 „Mit brennender Sorge“ ja an. (Übrigens wurde Galen, obwohl nur ein Bischof aus der Provinz, ja im Vorfeld persönlich nach Rom zitiert und angehört, damit seine Schilderungen in die Enzyklika einfließen konnten.) – Auch wenn es gerade heute (zumal unter manchen deutschen Kirchenfunktionären) ungern gehört wird: Im Laufe des 20. Jahrhunderts war es immer wieder „Rom“, wo viel klarer und treffender politische Dinge und gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet und richtig eingeschätzt wurden, als dass Kirchenfunktionäre dies in ihrer Verstrickung und Einschränkung vor Ort hätten leisten können. Nicht selten ist das bis heute so.

Auf die Diffamierungen von Seligsprechungen und die völlige Unkenntnis der Bedeutung einer Kanonisation möchte ich hier nicht eingehen. Das hätte übrigens aus meiner Sicht ein Clemens August von Galen auch gar nicht nötig. Wohl hätte sich Bischof von Galen wie auch Josef Jakob dagegen verwahrt, dass letztlich wieder einmal die alten Ressentiments gegen „Rom“ bedient werden, nach dem guten alten Motto: „Gegen Juda, gegen Rom, / wird erbaut Germaniens Dom!“

Lieber Herr Hölcheidt, ich komme zum Ende. Ich bin zutiefst angerührt und überzeugt von dem Vorbild und dem Lebens- und Glaubenszeugnis von Josef Jakob! Dass sein damaliges kirchliches Umfeld derart herabgewürdigt wird, macht m.E. seine Bedeutung nicht größer oder strahlender, geschweige denn nähert sich diesem Menschen wirklich an. Im Gegenteil: Sein Leben wird in dem schlecht recherchierten Buch „Josef, du hast mehr geleistet als ich“ schlichtweg von heutigen Ideologen instrumentalisiert, um in der heutigen Gegenwart sein eigenes Mütchen zu kühlen und seinen Frust zu verarbeiten, der auch noch weitgehend aus Unkenntnis herrührt. Noch einmal: Josef Jakob war ein glaubwürdiger Christ aus „kleinen Verhältnissen“, aber mit einem weiten Geist und einem großen Herzen.

Ich danke für die Zusendung des Buches, wünsche einen guten Start in die Fastenzeit und verbleibe mit frohem Gruß aus Dülmen

    Markus Trautmann





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