Predigt im Dom zu Xanten

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6. September 1936:

(...) „Victor“ heißt auf deutsch „Sieger“. Als Held, als Sieger wurde St. Victor hier verehrt, lange ehe die deutsche Sage ihrer schönsten Heldengestalt, dem edlen Siegfried, Xanten als Heimat gab. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die dichtende Sage gerade darum Xanten zur Heimat Siegfrieds gemacht hat, weil alle deutschen Gaue davon wussten, dass in Xanten tatsächlich einst ein Held, ein Sieger gelebt hat, und weil damals schon Jahrhunderte lang St. Victor, der sieghafte Held in Xanten, die höchste Verehrung genoss. Wie dem auch sei: tatsächlich sind wir heute die Fortsetzer und Erhalter einer durch anderthalb Jahrtausende geschichtlich bezeugten Tradition unserer Vorfahren, wenn wir den christlichen Märtyrern von Xanten, St. Victor und seinen Genossen, in der Victorstracht und in dieser Feier unsere Verehrung darbringen; wenn wir heute gemeinsam auf ihr Vorbild schauen, um von ihnen zu lernen; wenn wir zum Himmel aufschauen in der Zuversicht, dass sie dort für uns beten!


(...) Gottes Dienerin ist die von Gott gewollte, Gehorsam heischende Obrigkeit. Wer obrigkeitliche Gewalt hat, anderen zu befehlen, hat selbst die heilige Pflicht, gerade im Befehlen sich nach Gottes heiligem Willen zu richten. Nur als Gottes Dienerin, also im Einklang, in Unterordnung unter den Willen Gottes, hat menschliche Obrigkeit Befehlsgewalt. Wie sollte sonst der Mensch, der obrigkeitliche Gewalt innehat, es fordern können, dass ein anderer, von Natur gleich ihm mit Freiheit ausgestatteter Mensch seinen Willen ihm beuge? Nur weil er mehr Macht hat? Nur weil er „das Schwert trägt“ und die rohe Übermacht, ihn zu peinigen, zu strafen, wenn er widersteht? Das hieße: die Gerechtigkeit vernichten, die Menschenwürde verhöhnen, und die menschliche Gesellschaft auf die Stufe einer Räuberbande herabdrücken. Wenn in einem Lande so, unter Verachtung des göttlichen Willens, unter Beiseitesetzung der von Gott gewollten Gerechtigkeit, von der Obrigkeit Gehorsam verlangt und durch Gewalt und Furcht erzwungen würde, dann würde von ihm das Wort des hl. Augustinus gelten: „Nimm die Gerechtigkeit hinweg, was sind dann die Reiche anders als große Räuberbanden? Denn sind diese nicht auch kleine Reiche? Wächst eine solche Rotte übler Gesellen so ins Große, dass sie Land besetzt, feste Sitze gründet, Städte unterwirft, Länder erobert, so nimmt sie vor aller Welt den Namen ‚Reich’ an, nicht als hätte die Raubsucht aufgehört, sondern weil sie straflos schalten kann. – Fein und wahr sagte dies ein erwischter Seeräuber jenem Alexander, den man den Großen nennt, als dieser ihn zur Rede stellte, was er sich unterstehe, das Meer unsicher zu machen; da gab er ihm trotzig und freimütig die Antwort: Ich tue dasselbe, was du dich unterstehst, der du den Erdkreis unsicher machst. Aber freilich, weil ich es mit einem kleinen Schiffchen tue, schilt man mich Räuber; aber dich mit deinem großen Heere nennt man Imperator.“

(...) Wie viel Dank ist die Menschheit schuldig diesen Blutzeugen nicht nur des Christenglaubens, sondern auch der Menschenwürde, die sie mit ihrem Blut und Leben verteidigt haben! Denn in dem Augenblick, in welchem menschliche Obrigkeit in ihren Befehlen dem klar erkannten, im eigenen Gewissen bezeugten Willen Gottes widerstreitet, hört sich auf, „Gottes Dienerin“ zu sein, zerstört sie ihre eigene Würde, verliert sie ihr Recht zu gebieten, missbraucht sie ihre Macht zu belohnen und zu bestrafen, und versucht die freventlich, die von Gott gegebene Freiheit  der menschlichen Persönlichkeit, das Ebenbild Gottes im Menschen zu entwürdigen!

„Lieber tot, als Sklave!“ Dieses stolze Wort eines ehrliebenden Mannes hat einen wahren Sinn. Dienende Stellung, Beschränkung, äußerer Freiheit, ja sogar irgendeine Art sog. Leibeigenschaft mag irgendwie erträglich sein und verträglich mit der Menschenwürde, die dadurch wohl beeinträchtigt, aber nicht geleugnet und vernichtet wird. Aber ein Gehorsam, der die Seelen knechtet, der in das innerste Heiligtum der menschlichen Freiheit, in das Gewissen greift, ist roheste Sklaverei. Das ist schlimmer als Mord; denn es ist eine Vergewaltigung der menschlichen Persönlichkeit; das ist der Versuch, das Ebenbild Gottes im Menschen zu zerstören, das ist ein Angriff gegen Gott selbst, der jede Menschenseele nach seinem Ebenbild geschaffen und zur Teilnahme an seiner Herrlichkeit berufen hat, und vor dem Herrscher und Beherrschte in gleicher Schuld und Verantwortung stehen.

(...) Das ist der wahre Sinn des heute so oft gebrauchten Wortes Gewissensfreiheit: nicht, dass jeder einzelne nach Lust und Laune und Willkür sich einen Gott und eine Religion machen und selbstherrlich die Wünsche seines Herzens als Forderungen des Gewissens aufstellen kann, sondern, dass alle Menschen, hoch und niedrig, Herrscher und Beherrschte ihr Gewissen formen nach der unveränderlichen Gotteswahrheit, ihr Handeln gestalten nach dem heiligen Gottesgesetz, das das im Lichte der göttlichen Wahrheit geformte eigene Gewissen als verpflichtende Norm des Handelns ihm vorstellt. Nicht nur Katholiken, nein, alle ehrliebenden, rechtlich denkenden Menschen haben diese Freiheit des Gewissens, die mit der Unverletzlichkeit des Gewissens anerkannte Majestät Gottes geachtet.